Fata Mundi - Die Schicksale der Welt
Vorwort der Erstveröffentlichung 2022 "FATA MUNDI" ist für ein Pen and Paper-Rollenspiel (kurz "P&P") in einem historischen Kontext konzipiert. Das vorliegende Regelsystem versucht gängige Pen- and-Paper-Rollenspielansätze mit einem möglichst realistischen¸ historischen Kontext zu verbinden. Dadurch soll dieses Medium für den (geschichts-) didaktischen Bereich von Schule und Hochschule erschlossen werden. Daher werden manche Aspekte freier¸ andere strenger erscheinen¸ als man dies aus anderen Regelsystemen kennt. Durch Regeln zu Kleidung und Wettereffekten¸ Erschöpfung¸ aber auch positive Effekte von gruppenbezogenem Spiel¸ Musik und kulturellen Identitäten entstehen eigene Geschichten über das Überleben in einer Welt¸ in der zwar auch gewaltsame Konflikte stattfinden¸ aber oft alltägliche Herausforderungen wie Nässe und Kälte¸ Hunger und schmerzende Beine eine größere Rolle spielen. Das soziale Miteinander¸ das Hineinleben in eine Epoche und der Umgang mit der Umwelt bilden das Hauptaugenmerk ‐ das Erkunden von uralten Tempeln¸ düsteren Höhlen und das Schlagen epischer Schlachten wird¸ wie im wirklichen Leben¸ eine Ausnahme darstellen. Insgesamt sollten die Freiheiten dazu genutzt werden¸ den realistischen Ansprüchen zu entsprechen und gleichsam ein heterogenes Bild der historischen Narrative zu erzeugen. Weder sollen geschichtskulturelle Klischees bedient werden¸ noch soll der Eindruck eines Lernspiels entstehen. Um dieses Ziel zu erreichen¸ müssen sich alle Autor:innen der Abenteuer ‐ die Spielleitung und die Spieler:innen ‐ über Freiheiten und Grenzen des Systems einig sein. Natürlich sollte klar sein¸ dass dieses Regelwerk kein Garant für ein gelungenes ‚Historienerlebnis‘ ist ‐ genauso wenig wie gute Unterrichtsentwürfe oder durchdachte didaktische Methoden automatisch ertragreiche Lehr-Lern-Erfahrungen erzeugen. Das System bietet Anhaltspunkte und Impulse für ein entsprechend kontextualisiertes P&P. Da es aber in der Natur der Sache liegt¸ dass nicht jede:r die Zeit mitbringen kann¸ sich eingehend¸ fachwissenschaftlich mit einer Epoche auseinandersetzen zu können¸ bieten wir diesbezüglich gerne Hilfe an. Sollten demnach Fragen zu Epochen¸ Regeländerungen oder den Feinheiten des Systems aufkommen¸ dürfen diese gerne an folgende Mailadresse gesandt werden: regelwerkfatamundi@gmail.com. Dies gilt auch für Anregungen und Änderungsvorschläge.
FATA MUNDI ist nicht auf eine bestimmte Epoche festgelegt. Um die Regeln und das Potenzial des Systems zu veranschaulichen¸ werden diese im vorliegenden Regelwerk in den Kontext Britanniens Mitte des fünften Jahrhunderts nach Christi Geburt gestellt. Bei der Übertragung in eine andere Epoche mit ihren eigenen Herausforderungen und Fragestellungen müssen manche Regeln mehr¸ andere weniger stark angepasst werden. Dies wird beispielhaft am Ende des Regelwerkes an einer Übertragung in die Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges unter dem Titel ‚God's own Country‘ vorgestellt.
Die hauptsächliche Einbettung des Regelwerkes in die Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter birgt besondere Möglichkeiten einem ‚historischen‘ P&P Geltung und Potenzial zu verschaffen: Das Römische Reich ist geteilt und sowohl durch innere Konflikte wie durch äußere Bedrohungen unter hohem Druck. Zu Beginn des Jahrhunderts verlassen die römischen Legionen Britannien und überlassen die Zivilbevölkerung sich selbst. Seeräuber von der Nordseeküste plündern die Küsten¸ Scoten¸ Iren¸ Caledonier und Pikten strömen von Norden und Westen in die ehemaligen Provinzen¸ rauben¸ versklaven und erobern. Die Britannier sind in die romanisierte Stadtbevölkerung¸ die die Errungenschaften der ‚Zivilisation‘ erhalten möchte und die alten römischen Titel und Gepflogenheiten pflegt¸ und die Stammesgesellschaften¸ die die alten Traditionen ehren und seit jeher nach Unabhängigkeit streben¸ geteilt. Diese Trennung vollzieht sich nicht nur kulturell¸ sondern wird auch zunehmend gewaltsam ausgetragen¸ weshalb die britannischen Provinzen dem anwachsenden Sturm kaum zu widerstehen vermögen. In dieser Zeit des Umbruchs¸ die den Übergang von der Antike zum Mittelalter markiert¸ entstehen Legenden und Reiche¸ werden Zivilisationen vernichtet und die Geschicke ganzer Gesellschaften entschieden. Zudem bieten sich zahlreiche Möglichkeiten individueller Entfaltung und spannender Geschichten.
FATA MUNDI ‐ die Schicksale der Welt ‐ beziehen sich dabei einerseits auf diese historisch schwer greifbare¸ unruhige Zeit¸ andererseits auf die Abenteuer der Spieler:innen. Die Schriftlichkeit nahm in dieser Übergangsepoche ab und so liegen oftmals nur wenige und unzuverlässige Berichte über diese entscheidenden Jahre in der Morgendämmerung des Mittelalters vor. Dies birgt zwar Herausforderungen in der Vorbereitung¸ aber auch eine große Freiheit in der konkreten Gestaltung der Abenteuer¸ die hier erlebt werden können. Das Hauptaugenmerk liegt dabei zu Beginn in Britannien ‐ weshalb die Abenteuer als ‚Libri Britanniae‘ bezeichnet werden ‐¸ da die Inselprovinzen von allen im Weströmischen Reich noch am weitesten vom Abgrund entfernt schienen. Doch können durch dieses Regelwerk selbstverständlich auch die ‚Libri Galliae‘¸ ‚Libri Germaniae‘ oder gar ‚Libri Africae‘ geschrieben werden.
Vorwort der Änderungsfassung 2023
FATA MUNDI geht in die zweite Edition und soll nach den ersten Gehversuchen¸ der Evaluation¸ Anpassungen¸ Anfragen und Impulsen eine Präzisierung erfahren¸ wobei sie teilweise Themen anspricht¸ die bereits im Vorwort der Erstveröffentlichung benannt wurden. Die Änderungen sind nicht unerheblich beeinflusst und wurden teilweise initiiert durch die Teilnehmenden an den fachdidaktischen Seminaren und der AG "Didaktik der Kirchengeschichte" an der JLU Gießen ‐ ihnen sei hier ausdrücklich gedankt für das unermüdliche Testen¸ Diskutieren und Forschen.
Das Regelwerk wurde ursprünglich für den didaktischen Gebrauch konzipiert und eignet sich grundsätzlich auch dafür (es sei hier auf die Kurzregeln verwiesen)¸ der Regelkorpus dient jedoch insgesamt in erster Linie als Hilfe für eine möglichst realistische und differenzierte Darstellung einer historischen Thematik. Die verschiedenen Regeln sollen Denkanstöße bieten¸ welche Teilaspekte bei einer solchen Darstellung beachtet werden müssen und Einfluss auf das Spiel und die Spieler:innen haben können. Im Spiel selbst können kaum alle Regeln in Gänze beachtet werden¸ aber bei der Erstellung von Abenteuern können die im Regelwerk aufgeführten Regeln am Beispiel der Spätantike in Britannien den Autor:innen Hilfestellungen für einzelne Schwerpunkte und ‚Einflussmöglichkeiten der Realität‘ bieten.
Trotz der nunmehr auch offiziellen Fokussierung der historischen Darstellung bleibt der Anspruch bestehen¸ durch das Regelwerk der Methodik der Fachdidaktiken der historischen Wissenschaften an Schulen¸ Hochschulen und in der Erwachsenenbildung eine weitere Methode hinzuzufügen. Daher wurden die Kurzregeln für didaktische Zwecke unter anderem in Bezug auf das Würfelsystem an zugänglichere Formate angepasst. Darüber hinaus sollen neben diesem Regelwerk konkrete Vorschläge für Abenteuer im didaktischen Kontext veröffentlicht werden¸ die sich teilweise auf das Regelwerk¸ teilweise jedoch auch auf andere Systeme beziehen. FATA MUNDI ist demnach ein fachwissenschaftlicher Teilaspekt einer didaktischen Erschließung und darf nicht bereits als didaktisches Konzept selbst verstanden werden. Vielmehr können von dem vorliegenden Standpunkt aus solche Konzepte entwickelt werden.